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Zweite Erzählung
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Der Himmel ist ein schwarzes Loch

    

     

Boot gleitet über braunes Wasser. Himmel grün. Wind duftet nach frisch gefallenen Nüssen. Weit ist die Welt und keine Zeit, wohin das Auge reicht.

 

Nur abends ruft die Köchin. Kartoffelsuppe gibt es, wie beinahe jeden Tag. Danach geht es weiter, hin zu fremden Ländern, wo in Höhlen taube, einäugige Riesen lauern mit kinderfressenden Gänsen. Vor nichts haben sie Angst außer vor Rananana, der Hexe mit den blauen Haaren und den spitzen Krallen. Gefahren allüberall. Und ein Wunder ist es, dass Callas, die kreischende Katze, Beherrscherin der Meere, noch niemand zerbissen hat.

 

Unter den Brettern wohnt Kaspar, der Zwerg. Er ist der gute Geist des Schiffes, doch ein Zauberwort verwandelt ihn in einen Dämon:

Sag nicht:

„Es ist acht!“

denn dann,

hab' acht,

kommt Kaspar, der Zwerg

und die Welle wird Berg.“

 

Der Steuermann lenkt das Schiff durch das Meer, da gischt eine Welle über ihn her. Er hält sich fest, am Steuerrad fest, und schreit voller Furcht: „Gebt acht, das Schiff ist verflucht.“ Doch Kaspar, der Gute, hört leider schlecht und hört, „Es ist acht!“ sein Böses erwacht, er schleudert das Boot, ans Ende der Welt. Und alle sind tot!

 

Hoi, wie weich die Landung ist.

 

„Noch einmal“, lacht das Kind. „Kaspar soll nochmal böse sein.“

 

Die harte Erde ist ein Bett, der Himmel eine Zimmerdecke, das Meer Bretterboden und das Schiff ein Trog mit Nüssen, das Schlafzimmer der Großeltern eine weite Welt.

 

„Schluß für heute“, lächelt der alte Mann. „Es ist schon dunkel.“

 

„Schläft die Sonne jetzt?“ fragt Lisa, die nicht schlafen will.

 

„Warum?“

 

„Weil sie den ganzen Tag wach war.“

 

„Erzähl mir eine Geschichte, Opapa. Was macht die Sonne den ganzen Tag?“ Sie kuschelt sich an den vertrauten Körper.

 

„Am Morgen erwacht sie. Dann streckt sie ihre Strahlen und dehnt sich, damit sie munter wird. Wie du. Sie atmet tief ein. So.“

 

Der Großvater wölbt seinen Bauch vor.

 

„Auch im Winter?“ fragt das Kind vernünftig und schaut erwartungsvoll.

 

„Im Winter kommt Itzeho, der Wind des Nordens. Er bläst seinen kalten Atem über die Erde.“

 

Der Großvater pfeift durch seine Zähne, so schaurig, dass es Lisa fröstelt.

 

Die Gräser ducken sich, und die Tiere flüchten in ihre Höhlen. Dort warten sie auf den Frühling. Aber Itzeho trägt auch einen großen Rucksack voll Schnee, den streut er auf die Erde, damit die Kinder Schneemänner bauen können und Schlitten fahren und Eis laufen.“

 

„Ich nicht“, schreit Lisa. „Da falle ich tausendmal hin.“

 

„Dann wird es dir wie Opeka ergehen, dem Mädchen, das nicht laufen wollte. Weil es immer hinfiel, beschloss es, einfach sitzen zu bleiben. Das sah einfach aus, und so war es am Anfang auch. Bald aber ...“

 

„Franz!“ unterbricht die dröhnende Stimme der Großmutter die Erzählung. „Du hast versprochen, Lisa spätestens um neun Uhr schlafen zu legen.“

 

„Ja“, ruft der Großvater in die Küche. Und leise sagt er zu Lisa: „Diese Geschichte erzähle ich dir morgen.“

 

Lisa protestiert: „Aber die Sonne! Was macht sie am Abend?“

 

„Sie ist müde. Wie du und ich. Sie legt sich in ihr Wolkenbett und deckt den Himmel unter einer Sternendecke zu. Es wird dunkel.“

 

„Wie in einem Loch?“

 

„Ja“, sagt der Großvater, „wie in einem Loch. Und morgen, wenn du deine Augen öffnest, ist die Sonne wach und leuchtet. Nur für dich.“

 

„Wenn es regnet aber nicht.“

 

„Nein, dann nicht“, lächelt Opapa. „Aber du wirst sehen, morgen scheint die Sonne. Ich weiß es. Schlaf jetzt. Gute Nacht.“

 

„Noch eine Geschichte“, fordert Lisa maßlos.

„Morgen. Morgen ist auch noch ein Tag.“

 

Er küsst Lisa sanft auf die Stirn. Kurze Arme umfassen seinen Hals, ziehen großen Kopf zu kleinem Körper.

 

„Ich hab' dich lieb“, strahlt Lisas Stimme und ihre Augen leuchten.

 

„Ich hab' dich auch lieb“, flüstert der Großvater und erwidert gerührt den zarten Kuss des Mädchens.

 

Am nächsten Morgen scheint wieder die Sonne, wie der Großvater es versprochen hat. Und schien sie nicht wirklich, so bastelte er ihr eine aus Pappe, malte sie gelb an und der Himmel schien endlos blau.

 

***

„Wann darf ich Opapa besuchen?“ Lisas Augen heften sich an die ihrer Mutter.

 

„Bald. Dein Großvater ist im Krankenhaus.“

„Ich weiß“, nickt das Kind. „Dort wird er gesund.“

 

Die Mutter nimmt es in den Arm, drückt seinen weichen und festen Körper an sich.

 

„Was hast du?“ fragt Lisa und entwindet sich der Umklammerung.

 

„Nichts. Ich hab' dich lieb.“

 

„Das sagt Opapa auch. Ich will mit ihm Boot fahren. Und Kaspar soll mich auf die Erde schmeißen. Und Itzeho soll Schnee bringen. Undundund... Mama, wann darf ich zu Opapa?“

 

„Bald“, wiederholt die Mutter. „Hilfst du mir Wäsche waschen?“

 

„Oh ja!“ jubelt Lisa und stürmt in die Küche.

„Wann kommt mein Opapa?“ Lisas Augen glänzen nicht mehr, sie kennt die Antwort und hofft vergeblich auf eine neue. Die kommt nicht, wie der Großvater nicht kommt.

 

Oder diesmal doch? Die Mutter atmet schwer. Sie setzt sich in den großen Stuhl und winkt ihr Kind zu sich. Das klettert auf ihren Schoß, richtet sich zurecht.

 

„Weißt du“, beginnt die Frau, „dein Opapa kann nicht mehr zu dir kommen.“

 

Lisa richtet sich auf.

 

„Wann ist denn endlich ‘bald’? Du hast gesagt, er kommt bald.“

 

Die Mutter seufzt.

 

„Es geht nicht.“

 

„Warum?“ will Lisa wissen. „Ist er fortgegangen?“

 

Der Kopf vor ihr nickt.

 

„Wo ist er?“

 

Die Frau zögert, sagt schließlich:

 

„Der Großvater ist im Himmel.“

 

„Dort, wo die Sonne ist“, freut sich Lisa, rutscht vom warmen Schoß und läuft zum Fenster. „Hier bin ich, Opapa. Kannst du mich sehen? Wann kann ich dich besuchen?“

 

Die Mutter geht zu ihr.

 

„Ja, er kann dich sehen. Aber du kannst ihn nicht mehr besuchen. Der Himmel ist zu weit weg.“

 

„Warum ist Opapa dann dort?“

 

„Alle Menschen kommen in den Himmel, wenn sie ... Großvater war schon alt. Und müde. Er hat sein ganzes Leben lang schwer gearbeitet. Und nun darf er bei seinen Freunden sein. Dort oben ist es schön. Großvater hat es warm, immer scheint die Sonne, und er kann sich endlich ausruhen. - Lisa, hörst du mir überhaupt zu?“

 

Lisa steht still da. Sie hat ihren Daumen in den Mund gesteckt, dreht mit der anderen Hand aus ihren kurzen Haaren eine kleine Locke, zieht stetig daran, zieht schließlich so heftig, dass ihr Kopf sich zur Seite neigen muss.

 

„Lisa!“ ruft die Mutter.

 

Das Kind rührt sich nicht, seine Augen versuchen, die dunkle Wahrheit zu erfassen. Plötzlich lacht es.

 

„Spielen wir Clown, Mama?“

 

Die Mutter nickt erleichtert.

 

Von nun an fragt Lisa nicht mehr nach ihrem Großvater. Es ist, als hätte das Kind ihn vergessen.

 

***

„Tut es hier weh?“ will der Mann wissen und drückt auf Lisas Bauch. Der zuckt unter der Berührung zusammen, das Kind schüttelt den Kopf. Der Arzt wendet sich an die Frau.

 

„Sie muss sofort ins Krankenhaus. Akute Blinddarmentzündung, wir haben nicht viel Zeit.“

 

Die Mutter nickt und streicht Lisa übers Haar.

 

„Ich will nicht ins Krankenhaus, ich bin nicht müde“, ruft sie, während sich langsam Tränen in den Augen sammeln. Ihre Mutter will sie umarmen, das Kind wird zornig. Es wehrt sich gegen den Zugriff.

 

„Nein!“ ruft es entschlossen und läuft davon. Raus aus dem Zimmer. Ein Stuhl fällt. Lisa achtet auf nichts, flüchtet in die Küche, unter den Frühstückstisch. Dort macht sie sich klein, krümmt sich zusammen, zieht die Beine an sich, drängt sich an die Wand.

 

Die Mutter ist ihrer Tochter gefolgt, sie hockt sich vor sie, versucht ihr zuzureden. Worte rieseln aus ihrem Mund, Lisa hebt beschwörend die Hände. Die Mutter versucht sie hervorzuziehen. Lisa krabbelt blitzschnell an ihr vorbei, rennt wieder zurück ins Wohnzimmer, sieht den Arzt, bleibt mitten im Zimmer stehen, erstarrt. Sie atmet heftig ein, schreit einen unbekannten Schmerz aus sich heraus, atmet ein, schreit, lauter, immer lauter. Es scheint kein Ende zu nehmen. Das Gesicht rot. Tränen laufen, ein Sturzbach, die Wangen hinunter. Die Augen weit aufgerissen, darin Entsetzen, Angst.

 

Ratlos sieht die Mutter den Arzt an:

 

„Ich weiß nicht, was sie hat. Das ist das erste Mal, dass sie ...“ Sie zuckt mit den Schultern, Tränen nun auch in ihren Augen, während Lisas Schreien einen nicht endenwollenden Höhepunkt erreicht.

 

„Warten Sie ein bisschen“, bestimmt der Arzt, als die Mutter sich ihrer Tochter nähern will. Er geht zu Lisa. Ihre abwehrenden Hände zögern. Der Mann nimmt sie sanft in die Arme. Wie abgeschnitten endet das Weinen des Kindes. Sein Körper atmet aus, lehnt sich an den fremden Körper. Lisa steckt den Daumen in den Mund, nimmt eine Locke ihrer langen Haare, dreht sie. Das Boot auf braunem Wasser. Itzeho, der eisige Wind. Rananana, die Hexe. Die einäugigen Riesen und die Sonne aus Pappe, die über Lisas Bett aufging.

 

„Es gibt keine Gänse, die Kinder fressen, weißt du“, nuschelt das Kind.

 

„Natürlich nicht“, stimmt der Mann zu.