Archiv des Autors: Erich Ledersberger

Wir Gespaltenen

Der Begriff der „gespaltenen Gesellschaft“ scheint die Medien derart aufzugeilen, dass man sich schon wundert, wenn von einer „Gemeinschaft“ die Rede ist.

Wir sind nämlich permanent alle gespalten und widmen uns mit voller Kraft den Spaltpilzen.

 

Wir sind so arm!

Im Oktober 2021 lautete die Frage am Cover von profil: „Sind wir euch egal?“ Und der Text beginnt mit der Behauptung: „Wir sind allen scheissegal“. Alles klar auf der Andrea Doria, aber worum und um wen geht es da?

Also da sind einmal DIE Studierenden auf der einen Seite, und DIE Bildungseinrichtungen auf der anderen Seite. DIE einen sind gut, DIE anderen böse. Leider nicht die einzige Spaltung, die unser Land bedroht. Da hätten wir noch DIE Kindergartenkinder und DIE Eltern, wobei nicht klar ist, wer von beiden gut, und wer böse ist.

Weiters DIE Geimpften und DIE Ungeimpften, DIE Weltretter und DIE Weltzerstörer, und seit Neuestem vor allem: DIE Alten und DIE Jungen. Ein gewaltiger Generationenkonflikt dräut da, wie die Medien freudig erregt vermelden.
Alles zusammen ein ziemlicher Quatsch, aber ein gutes Ablenkungsmanöver!

Mir imponieren beispielsweise DIE Jungen, die jeden Freitag auf die Straße gehen (auch wenn sie nur eine kleine Minderheit sind) und für Umweltschutz demonstrieren. Weniger toll finde ich Meldungen aus der Ecke, dass DIE Alten ihre Zukunft zerstören.

Es sind nicht DIE Alten, schließlich finden sich unter den Zerstörern auch etliche Junge. Es sind große, unkontrolliert agierende Konzerne, die unsere Welt zerstören. An deren Spitze finden sich Managerinnen und Manager jeglichen Alters. Und diese Zerstörung hat System. Das gilt es zu verändern!

DIE gibt es nicht

In der allgemeinen Spaltungshysterie wird eine Spaltung seltsamerweise kaum erwähnt, nämlich die in Reiche und Arme. Beispielsweise wurde die reichste Familie des Landes, Porsche-Piech, im Coronajahr um 16 Milliarden Euro reicher, Novomatic-Chef Graf ließ sich Dividenden in der Höhe von 50 Millionen Euro auszahlen, unterstützt von Staatshilfen wie Kurzarbeit und den „Huren der Reichen“, wie ein ÖVP-Manager höher gestellte Finanzbeamte bezeichnet. Möglichst unauffällig will die Regierung, inklusive Grüne, Gewinne aus Aktien STEUERFREI machen! Dabei ist schon der bisherige Steuersatz von 27,5% ein Hohn für alle arbeitenden Menschen, deren Steuersätze sich weit über dieser Größe befinden.

Da ist es natürlich fein, wenn man von ökonomischen Spaltungen ablenken kann, indem man die Spaltung von Geimpften, Nicht-Geimpften, Jung und Alt in den Mittelpunkt der Betrachtungen stellt. Die Ergänzung zur „gespaltenen Gesellschaft“ ist ja der Satz: „Teile und herrsche“.

Und die gelingt bisher tadellos. Rechtsradikale haben DIE Impfgegner bereits erobert und kochen ihr braunes Süppchen auf deren alterna(t)iven Thesen, aber davon will ebenfalls kaum jemand etwas wissen.

Im wunderbaren Buch „Angriff auf die Freiheit“ von Juli Zeh und Ilija Trojanow stehen am Ende die Sätze:
„Erliegen Sie nicht den simplen Freund-Feind-Schemata, die Ihnen tagtäglich aufgetischt werden. Sagen Sie nicht ‚die Moslems‘, es sei denn, Sie möchten mit allen ‚Christen‘ über einen Kamm geschoren werden. Misstrauen Sie verführerisch einfachen Erklärungen.“

Es sind weder DIE Jungen, die die Welt retten, noch DIE Alten, die sie zerstören.

In diesem Sinn:
Lachen macht Spaß
Denken auch

schöne Tage wünscht allen
Ihr/euer
Erich Ledersberger

Mein kurioses Österreich 2

Echte Freunde

Echte Freunde

Es gibt keine Korruption!
Jedenfalls nicht in meiner Heimat. Daher verklagt die ÖVP alle Menschen, die diese vorbildlich ehrliche Partei in die Nähe von Korruption rücken wollten.

In Österreich sind nämlich alle Menschen Freunderl und so heißt auch die Wirtschaft.

 

 

Die Freunderlwirtschaft

Die Österreicher sind eine große und weit verzweigte Familie und sorgen füreinander. Wer gute Freunde hat, ist niemals nicht alleine und daher schaut der Einheimische rechtzeitig darauf, dass er einigen in der Familie besonders nahe steht. Denn selbstverständlich gibt es, wie in jeder Familie, auch bei uns Unterschiede. Was in der christlich-sozialen Familie der Glaube an Gott, ist in der sozialdemokratischen der Glaube an die Materie und in der freiheitlichen der Glaube an das Deutschtum.

Wenn nun ein Spitzenpolitiker seinem treuen Wegbegleiter einen Vorstandsjob mit selbst gewähltem Aufsichtsrat schenkt, bedankt sich dieser mit Bussibussibussi und beide sind’s zufrieden. Niemand weiß von diesem Geschenk und wenn Fremde das als Korruption empfinden, muss ich richtigstellen: Das ist nur eine Aufmerksamkeit unter Freunden.

Der Begriff Freunderlwirtschaft kennzeichnet diese Art der Postenvergabe und gehört zur Kultur des Landes. Dem Vernehmen nach soll der Begriff demnächst zum immateriellen Weltkulturerbe erklärt werden.

Außenstehende sind mit dieser Art des Wirtschaftens nicht vertraut, selbst ich musste dieses Handeln erst lernen. Als ich von Deutschland nach Wien zurückkehrte und eine Wohnung bezog, hatte die noch kein Telefon. Da ich es beruflich brauchte, stellte ich am Postamt einen Antrag und bat darum, den Anschluss bald zu bekommen.

Es war Ende der grauen 1980er Jahre und ein Telefon war hier, nahe des Ostblocks, ein Luxusgerät. In einem Brief wurde mir mitgeteilt, dass die Wartezeit ein bis zwei Jahre dauern sollte, dann könnte ich vielleicht einen Viertelanschluss bekommen. [Damals wurden Telefonleitungen noch geviertelt, das hieß, eine Leitung für vier Personen. Wenn eine telefonierte, mussten die anderen warten.]

Als ich der Wohnungsmaklerin das mitteilte, meinte sie: „Am besten schauen Sie mal nach, welche Person für Ihre Wohnung zuständig ist. Wenn es eine Frau ist, gehen Sie mit einer Schachtel Bonboniere von Hofbauer hin, wenn es ein Mann ist, mit einer Stange Milde Sorte.“

Ich sah sie entgeistert an.

„Ich soll jemanden bestechen?“ Es schüttelte mich vor Grauen.

„Wollen Sie ein Telefon oder wollen Sie keines?“, lautete ihre lakonische Antwort.

Nach einigen Tagen, in denen ich vom Postamt aus mit meinen Auftraggebern telefonieren musste, reichte es mir. Ich fuhr in die Zentrale der Post und fand heraus, dass für meine Straße ein Mann zuständig war. Ich kaufte in der Trafik eine Stange Milde Sorte. Mir wurde heiß, der Schweiß stand mir auf der Stirn, als ich mich aufraffte, an der Tür zu klopfen. Ich gab erneut meinen Antrag ab und reichte die Stange Zigaretten über den Tisch. Der Mann sagte nichts, fragte nichts, sondern öffnete eine Schublade seines Schreibtisches und ließ die Stange hineinfallen. Er sah mich emotionslos an.

„Ich werde schauen, was sich machen lässt.“

Eine Woche später kam ein Mann von der Post und installierte den Anschluss.

„Sie haben sogar einen ganzen Anschluss,“ wunderte er sich. „Haben Sie Protektion?“

Ich verneinte entschieden. Offenbar war er nicht in die Praktiken der anderen Instanz eingeweiht. Als meine Maklerin noch einmal vorbeischaute und das Telefon sah, meinte sie nur: „Na bitte, geht doch. Das nennt sich Freunderlwirtschaft. Funktioniert tadellos.“

Allmählich begriff ich, dass ganz Österreich so funktionierte: Ein Freunderl half dem anderen gegen einen kleinen Aufschlag, der sich je Branche unterschiedlich gestaltete. Im Baugewerbe ging es beispielsweise um ganz andere Summen als bei meinem Telefonanschluss. Ein befreundeter Sozialarbeiter, der mit Freunden einen Keller zu einem Gasthaus ausbauen wollte, wartete bereits zwei Jahre auf einen Baubescheid. Leider gab es immer wieder kleine Mängel, die eine Genehmigung nicht zuließen.

Er war am Verzweifeln, als ihn ein anderer Gasthausbesitzer fragte, ob er schon seinen Obolus entrichtet habe. Als er antwortete, dass er seit langem alle Gebühren bezahlt habe, lachte sein Gegenüber aus vollem Herzen.

„Ist dir noch nicht aufgefallen, dass bei der Bauverhandlung immer eine offene Tasche oder Ähnliches am Boden steht?“

Darin müsse er eine entsprechende Summe, je nach Bezirk und genauer Lage unterschiedlich hoch, einwerfen. Nach der nächsten Bauverhandlung tat mein Freund, wie ihm empfohlen, einige Wochen später wurde sein Gasthaus bewilligt.

Heute sind die Methoden selbstverständlich komplizierter geworden, weil Querulanten so etwas Sinnloses wie Transparenz fordern. Darum gibt es seit einigen Jahren so genannte Ausschreibungen, damit sich viele Bewerber melden können.

Es hat sich bereits ein neuer Dienstleistungssektor gebildet, der Experten für diesen Bereich ausbildet. Sie müssen eine Ausschreibung möglichst allgemein, aber im Detail so genau formulieren, dass ausschließlich der gewünschte Kandidat – seltener die Kandidatin – die Stelle bekommt. Die neue ÖVP etwa formulierte die Ausschreibung für den Chef der ÖBAG, jener Holding, die ÖMV, große Teile der ÖMV, der österreichischen Post, Casinos Austria etc. verwaltet, exakt so, dass sie genau auf den Tiroler Thomas S. passte. Der war von Beruf nach Eigendefinition des Kanzlers Prätorianer, also der Leibgardist von Sebastian Kurz. Sein Fehler war, dass er sich per Bussi, Bussi, Bussi-Emoji bedankte und sich vorher noch einen passenden Aufsichtsrat wünschte.

„Kriegst eh alles, was du willst“, beschied ihm der Finanzminister und fügte nach Mafia-Manier hinzu:. „Du bist Familie!“ Das nenne ich wahre Freunderlwirtschaft!

Weil die Herren alles per SMS festhielten und diese an die Öffentlichkeit drangen, reichte es allerdings selbst den meisten Österreichern. Das war zu viel an Korr, äh, Freunderltum! Kanzler und Finanzminister mussten gehen. Das System aber bleibt. Und es ist keineswegs auf Kanzler und Co beschränkt. Diese Unsitte zieht sich seit Jahrzehnten durch die Republik. Ob es sich um Hochschulen handelt, in denen nicht die Besten, sondern die am besten Befreundeten sitzen oder um die Lehrer und Lehrerinnen in einfachen Schulen: Ohne Freunderl kommt man nicht weit. Und so sehen die Kompetenzen der Beschäftigten auch aus. Es ist nahezu ein Wunder, dass auf bestimmten Gebieten in Österreich noch immer Höchstleistungen erbracht werden.

Der „Welt-Antikorruptionstag“, der vor wenigen Tagen, am 9. Dezember daran erinnern soll, dass Korruption Gift für die Demokratie ist, geht uns glücklicherweise nichts an, weil es, wie schon erwähnt, Korruption bei uns gar nicht gibt. Weshalb wir im sogenannten Korruptionsbarometer von Transparacy International immer weiter abrutschen, ist mir daher ein Rätsel!

In diesem Sinn:

Einen fröhlichen Advent 2021, vergesst Corona!
euer/Ihr
Erich (Ledersberger)

 

Mein kurioses Österreich

BundesReal Verfassung

BundesReal Verfassung

Ideal und Wirklichkeit
Verena Mayer hat in der SZ eine wunderbare Kolumne zum Thema Österreich und seiner traditionellen „Schaumamal“-Mentalität geschrieben. Als gestern im ORF die Rede von der hiesigen Realverfassung war, stockte ich: Was ist das schon wieder? Offenbar etwas anderes als bloß „die Verfassung“.

 

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