Auf die Bäume, die Affen!

Friede?

Erich Kästner hat den Fortschritt der Menschheit bezweifelt. Der Anfang seines Gedichts „Die Entwicklung der Menschheit“
ist zwar nahezu optimistisch:

„Einst haben die Kerls auf den Bäumen gehockt,
behaart und mit böser Visage.
Dann hat man sie aus dem Urwald gelockt
und die Welt asphaltiert und aufgestockt,
bis zur dreißigsten Etage.
Da saßen sie nun, den Flöhen entflohn,
in zentralgeheizten Räumen.“

Es endet allerdings so:
„Doch davon mal abgesehen und
bei Lichte betrachtet sind sie im Grund
noch immer die alten Affen.“

Ich musste immer an dieses Gedicht denken, wenn ich Tennisspieler nach einem Sieg brüllen hörte, als lägen sie auf dem Grill eines Hobbykochs, während ihre Fäuste wie von Sinnen in die Höhe schnellten.

Oder wenn Fußballer nach einem Tor übereinander herfielen, als gelte es, die nächste Generation gleich auf dem Feld der Fußballehre zu zeugen. (Irgendwie scheinen die Herren noch nicht begriffen zu haben, dass dafür im Leben außerhalb des Labors zwei unterschiedliche Geschlechter nötig sind. Zu ihrer, naja, Ehrenrettung soll angemerkt werden, dass die Fußballerinnen sich redlich bemühen, es ihnen nachzumachen.)

Oder wenn Eishockeyspieler einander die Zähne ausschlagen — vor kurzem „verlor“ laut einem Bericht der taz ein Spieler durch einen gezielten Fausthieb des Gegners insgesamt sechs Stück seiner Beißerchen — und das für einen „männlichen“ Sport halten.

Oder … nein, ich erspare allen die Aufzählung ähnlicher Beispiele, aber sie erscheinen mir in einem zumindest indirekten Zusammenhang mit einem Interview, das ich vor kurzem gesehen habe.

Vom Faustrecht

Darin sagte ein Mann, dass er, wenn er keine Waffe mehr hätte, „diese Bastarde mit den Händen erwürgen werde“. Der Gegner ist kein Mensch mehr, sondern ein Tier, zumindest ein Bastard.

Die Rede ist von der Ukraine, einem Land mitten in Europa, das so stolz ist auf seinen jahrzehntelangen Frieden.

Hat man auf den Balkan vergessen?
Auf die blutigen Auseinandersetzungen in Irland?
Auf die im Baskenland?

Ich maße mir kein Urteil an über die derzeitige politische Situation in der Ukraine, ich kenne das Land nur aus Berichten verschiedener Medien, die wohl unterschiedliche Interessen haben und diese nicht transparent darstellen.

Aufschlussreich dazu war für mich ein Artikel von Günther Haller in „Die Presse am Sonntag“ mit dem schönen Titel „Der Kaiser und seine „šTiroler im Osten‘“.

Interessant auch für das Verständnis der Habsburger für „ihre“ Völker, die 1914 den Ersten Weltkrieg vom Zaun brachen, mit Millionen Toten und dem Untergang eines Vielvölkerstaates, der Modell hätte sein können. Aber der Konjunktiv (der Möglichkeitssinn) ist ja spätestens seit Robert Musils Roman „Der Mann ohne Eigenschaften“ zum Leitbild Österreichs geworden.

Was derzeit möglich scheint, sieht leider realistisch aus: die Wiederkehr des Nationalismus, die Wiederkehr des Krieges als Konflikt„lösung“.

Das hat noch nie funktioniert. So wenig wie der Ruf nach einem „starken Mann“, einem „Führer“.

Das Ergebnis war immer Zerstörung und Leid, Mord und Totschlag, Elend und danach der „feste Wille“, es nie wieder zu einem Krieg kommen zu lassen.

Das Merkwürdige daran: Es gibt nach wie vor Kriege.

Als sei die Menschheit über das primitive Stadium des Faustrechts nicht hinausgekommen.

Als sei der Träger jener bunten Fahne, auf der „Friede“ steht, ein Rufer aus einer Zukunft, die wir Menschen nicht mehr erleben werden.

Vielleicht hat aber auch Jura Soyfer Recht, der in der Ukraine geborene Schriftsteller, den die Nazis im KZ Buchenwald ermordet haben. In seinem Lied von der Erde heißt es:

„Voll Hunger und voll Brot ist diese Erde
voll Leben und voll Tod ist diese Erde,
in Armut und in Reichtum grenzenlos.
Von Schönheit hell umflammt ist diese Erde,
und ihre Zukunft ist herrlich und groß!“

In diesem Sinn: Lasst uns hoffen, dass die Vernunft siegt und nicht der bloß physisch Stärkere.