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Mein kurioses Österreich 2

Echte Freunde

Echte Freunde

Es gibt keine Korruption!
Jedenfalls nicht in meiner Heimat. Daher verklagt die ÖVP alle Menschen, die diese vorbildlich ehrliche Partei in die Nähe von Korruption rücken wollten.

In Österreich sind nämlich alle Menschen Freunderl und so heißt auch die Wirtschaft.

 

 

Die Freunderlwirtschaft

Die Österreicher sind eine große und weit verzweigte Familie und sorgen füreinander. Wer gute Freunde hat, ist niemals nicht alleine und daher schaut der Einheimische rechtzeitig darauf, dass er einigen in der Familie besonders nahe steht. Denn selbstverständlich gibt es, wie in jeder Familie, auch bei uns Unterschiede. Was in der christlich-sozialen Familie der Glaube an Gott, ist in der sozialdemokratischen der Glaube an die Materie und in der freiheitlichen der Glaube an das Deutschtum.

Wenn nun ein Spitzenpolitiker seinem treuen Wegbegleiter einen Vorstandsjob mit selbst gewähltem Aufsichtsrat schenkt, bedankt sich dieser mit Bussibussibussi und beide sind’s zufrieden. Niemand weiß von diesem Geschenk und wenn Fremde das als Korruption empfinden, muss ich richtigstellen: Das ist nur eine Aufmerksamkeit unter Freunden.

Der Begriff Freunderlwirtschaft kennzeichnet diese Art der Postenvergabe und gehört zur Kultur des Landes. Dem Vernehmen nach soll der Begriff demnächst zum immateriellen Weltkulturerbe erklärt werden.

Außenstehende sind mit dieser Art des Wirtschaftens nicht vertraut, selbst ich musste dieses Handeln erst lernen. Als ich von Deutschland nach Wien zurückkehrte und eine Wohnung bezog, hatte die noch kein Telefon. Da ich es beruflich brauchte, stellte ich am Postamt einen Antrag und bat darum, den Anschluss bald zu bekommen.

Es war Ende der grauen 1980er Jahre und ein Telefon war hier, nahe des Ostblocks, ein Luxusgerät. In einem Brief wurde mir mitgeteilt, dass die Wartezeit ein bis zwei Jahre dauern sollte, dann könnte ich vielleicht einen Viertelanschluss bekommen. [Damals wurden Telefonleitungen noch geviertelt, das hieß, eine Leitung für vier Personen. Wenn eine telefonierte, mussten die anderen warten.]

Als ich der Wohnungsmaklerin das mitteilte, meinte sie: „Am besten schauen Sie mal nach, welche Person für Ihre Wohnung zuständig ist. Wenn es eine Frau ist, gehen Sie mit einer Schachtel Bonboniere von Hofbauer hin, wenn es ein Mann ist, mit einer Stange Milde Sorte.“

Ich sah sie entgeistert an.

„Ich soll jemanden bestechen?“ Es schüttelte mich vor Grauen.

„Wollen Sie ein Telefon oder wollen Sie keines?“, lautete ihre lakonische Antwort.

Nach einigen Tagen, in denen ich vom Postamt aus mit meinen Auftraggebern telefonieren musste, reichte es mir. Ich fuhr in die Zentrale der Post und fand heraus, dass für meine Straße ein Mann zuständig war. Ich kaufte in der Trafik eine Stange Milde Sorte. Mir wurde heiß, der Schweiß stand mir auf der Stirn, als ich mich aufraffte, an der Tür zu klopfen. Ich gab erneut meinen Antrag ab und reichte die Stange Zigaretten über den Tisch. Der Mann sagte nichts, fragte nichts, sondern öffnete eine Schublade seines Schreibtisches und ließ die Stange hineinfallen. Er sah mich emotionslos an.

„Ich werde schauen, was sich machen lässt.“

Eine Woche später kam ein Mann von der Post und installierte den Anschluss.

„Sie haben sogar einen ganzen Anschluss,“ wunderte er sich. „Haben Sie Protektion?“

Ich verneinte entschieden. Offenbar war er nicht in die Praktiken der anderen Instanz eingeweiht. Als meine Maklerin noch einmal vorbeischaute und das Telefon sah, meinte sie nur: „Na bitte, geht doch. Das nennt sich Freunderlwirtschaft. Funktioniert tadellos.“

Allmählich begriff ich, dass ganz Österreich so funktionierte: Ein Freunderl half dem anderen gegen einen kleinen Aufschlag, der sich je Branche unterschiedlich gestaltete. Im Baugewerbe ging es beispielsweise um ganz andere Summen als bei meinem Telefonanschluss. Ein befreundeter Sozialarbeiter, der mit Freunden einen Keller zu einem Gasthaus ausbauen wollte, wartete bereits zwei Jahre auf einen Baubescheid. Leider gab es immer wieder kleine Mängel, die eine Genehmigung nicht zuließen.

Er war am Verzweifeln, als ihn ein anderer Gasthausbesitzer fragte, ob er schon seinen Obolus entrichtet habe. Als er antwortete, dass er seit langem alle Gebühren bezahlt habe, lachte sein Gegenüber aus vollem Herzen.

„Ist dir noch nicht aufgefallen, dass bei der Bauverhandlung immer eine offene Tasche oder Ähnliches am Boden steht?“

Darin müsse er eine entsprechende Summe, je nach Bezirk und genauer Lage unterschiedlich hoch, einwerfen. Nach der nächsten Bauverhandlung tat mein Freund, wie ihm empfohlen, einige Wochen später wurde sein Gasthaus bewilligt.

Heute sind die Methoden selbstverständlich komplizierter geworden, weil Querulanten so etwas Sinnloses wie Transparenz fordern. Darum gibt es seit einigen Jahren so genannte Ausschreibungen, damit sich viele Bewerber melden können.

Es hat sich bereits ein neuer Dienstleistungssektor gebildet, der Experten für diesen Bereich ausbildet. Sie müssen eine Ausschreibung möglichst allgemein, aber im Detail so genau formulieren, dass ausschließlich der gewünschte Kandidat – seltener die Kandidatin – die Stelle bekommt. Die neue ÖVP etwa formulierte die Ausschreibung für den Chef der ÖBAG, jener Holding, die ÖMV, große Teile der ÖMV, der österreichischen Post, Casinos Austria etc. verwaltet, exakt so, dass sie genau auf den Tiroler Thomas S. passte. Der war von Beruf nach Eigendefinition des Kanzlers Prätorianer, also der Leibgardist von Sebastian Kurz. Sein Fehler war, dass er sich per Bussi, Bussi, Bussi-Emoji bedankte und sich vorher noch einen passenden Aufsichtsrat wünschte.

„Kriegst eh alles, was du willst“, beschied ihm der Finanzminister und fügte nach Mafia-Manier hinzu:. „Du bist Familie!“ Das nenne ich wahre Freunderlwirtschaft!

Weil die Herren alles per SMS festhielten und diese an die Öffentlichkeit drangen, reichte es allerdings selbst den meisten Österreichern. Das war zu viel an Korr, äh, Freunderltum! Kanzler und Finanzminister mussten gehen. Das System aber bleibt. Und es ist keineswegs auf Kanzler und Co beschränkt. Diese Unsitte zieht sich seit Jahrzehnten durch die Republik. Ob es sich um Hochschulen handelt, in denen nicht die Besten, sondern die am besten Befreundeten sitzen oder um die Lehrer und Lehrerinnen in einfachen Schulen: Ohne Freunderl kommt man nicht weit. Und so sehen die Kompetenzen der Beschäftigten auch aus. Es ist nahezu ein Wunder, dass auf bestimmten Gebieten in Österreich noch immer Höchstleistungen erbracht werden.

Der „Welt-Antikorruptionstag“, der vor wenigen Tagen, am 9. Dezember daran erinnern soll, dass Korruption Gift für die Demokratie ist, geht uns glücklicherweise nichts an, weil es, wie schon erwähnt, Korruption bei uns gar nicht gibt. Weshalb wir im sogenannten Korruptionsbarometer von Transparacy International immer weiter abrutschen, ist mir daher ein Rätsel!

In diesem Sinn:

Einen fröhlichen Advent 2021, vergesst Corona!
euer/Ihr
Erich (Ledersberger)