Bildungsmisere Teil 3

Welche Richtung nehmen wir?

Jedem Landesfürsten seine Bundeslehrer, jeder Gemeinde ihre Landeslehrer — oder wie war das gleich?

 

Von den Kleinkarierten

Österreichs Beitrag zu einer weltweit beachteten Bildungsreform fand in den 30er Jahren des vorigen Jahrhunderts statt. Damals war Otto Glöckel Präsident des Wiener Stadtschulrates und führte die „Wiener Schulreform“ durch. Das Bildungswesen wurde ausgebaut, Erziehungsberatungsstellen eingerichtet, man orientierte sich an der Schülerpersönlichkeit.

Offenbar gab es zu dieser Zeit Schulratspräsidenten, die pädagogische Modelle entwickelten und auch in die Realität umsetzten. Heute sind diese í„mter zu Versorgungsposten der politischen Parteien verkommen — und zwar aller, auch der FPÖ, die sich öffentlich gerne als „saubere Partei“ darstellt. [Das ist bei einer Partei, die ganz Kärnten in den Konkurs geschickt hat, den wir alle bezahlen müssen, besonders frech, aber das ist eine andere Geschichte.]

Der darauf folgende katholische Ständestaat, der die Demokratie außer Kraft setzte und der darauf folgende Faschismus beseitigten alle Ansätze einer humanistischen, auf die Menschen ausgerichteten Pädagogik. Nicht nur Juden, sondern alle, in deren Mittelpunkt der Mensch stand, wurden ermordet, in Konzentrationslager gesteckt oder, so sie Glück hatten, flüchteten rechtzeitig.

Nach 1945 gab sich Österreich als Opfer zu erkennen — und war mit sich selbst zufrieden. Niemand kam auf die Idee, die Vertriebenen zurückzuholen. Nur ein Beispiel unter vielen ist der Biochemiker Samuel Rapoport , der sich in einem Feature bitter darüber beklagte, dass Österreich ihn nicht aufnehmen wollte.

„Die vielen kleinen Lichtlein waren wohl nicht erfreut darüber.“

Er übersiedelte in die DDR und baute dort das das Institut für Physiologische und Biologische Chemie auf.

Kurzes historisches Intermezzo

Warum in den späten 60er und 70er Jahren durch dieses öde Land eine Brise von Weltoffenheit wehte, kann ich nicht thematisieren. Dieses  Thema ist zu umfangreich, es ginge dabei um Bruno Kreisky, dem Ausnahmepolitiker dieses Landes, um Wien als Zentrum internationaler Organisationen, die 68er-Bewegung und vieles mehr.

Interessant ist aber, dass selbst in diesen Hoch-Zeiten der Reformen, die Pädagogik und die Schulreform kein Thema waren. Abgesehen von theoretischen Arbeiten, in denen die Gesamtschule gefordert und von konservativer Seite als „Nivellierung nach unten“ gebrandmarkt wurde.

Als Absolvent eines sich elitär gebärdeten Gymnasiums kann ich dazu nur sagen: Eine Nivellierung nach unten schien mir damals inhaltlich und pädagogisch kaum möglich.

Selbst jene SPÖ unter Kreisky, die heute kaum noch als Nachfolgeorganisation erkennbar ist, knickte vor den Strukturen des österreichischen Bildungswesens ein. Die Schulhefte, deren Mit-Herausgeber ich damals war, sollten eine Art Speerspitze für die Gesamtschule sein.

1976 vom Verlag Jugend&Volk gegründet, ließ man das Projekt 1977 sterben: Man teilte den Herausgebern mit, sie könnten es ja als Verein weiterführen. Damals lernte ich Uwe Bolius kennen und schätzen — gerade rechtzeitig, um mit ihm und anderen auf der Basis „Selbstausbeutung“ die Reihe weiterzuführen. [Weitgehend unbedankt übrigens, aber Gedankenlosigkeit ist bekanntlich ein wichtiger Bestandteil der österreichischen Seele.]

Die Schulhefte gibt es noch immer, die Forderung nach der Gesamtschule auch. Kurioserweise fordern sie heute nicht nur pädagogische Reformer, sondern auch die Industriellenvereinigung, die Wirtschaftskammer oder der Bauernbund, Vertreter jener Fraktion also, die vor Jahrzehnten die Gesamtschule als Teufelswerk brandmarkten.

Und dennoch bleibt alles so, wie es einst war: Selektion der Kinder ab 9 Jahren, also ab der 4. Klasse Volksschule. Wer das für sinnvoll, human, christlich oder sozialistisch hält, soll uns das erklären.

Zusammenfassung

Wenn ein System über Jahrzehnte und Jahrhunderte sich gegen alle sinnvollen Reformen wehrt und damit Erfolg hat, dann hat es gesiegt. Zumindest beim derzeitigen Stand der Dinge.

Jene, die davor warnen, mit Pauken und Trompeten auf den Abgrund zuzugehen, werden mitunter verurteilt, siehe Kassandra.

Aber ist es tatsächlich so, dass wir erst im Untergang lernen, wie es anders hätte gehen müssen?

Dr. Christoph Zielinski, Universitätsprofessor und Leiter der Klinischen Abteilung für Onkologie, meinte 2013 in einem Salzburger Nachtstudio im Zusammenhang mit Wissenschaft:

„Wir haben keinerlei Wissenschaftspolitik.“
Dasselbe könnte der Mann auch über die Bildungspolitik sagen. (Übrigens wusste Dr. Zielinski damals noch nicht, dass kurze Zeit darauf auch das Wissenschaftsministerium abgeschafft wurde.)

Wenn sich einer der Landesfürsten etwas im Bereich Wissenschaft wünscht, bekommt er es, ob das sinnvoll ist oder nicht. Etwa jener aus Oberösterreich, der von der so genannten Bundesregierung prompt eine medizinische Universität bekam. Was er als Wissenschafter davon halte?

Dr. Zielinski antwortete so:
„Da gibt’s diesen Witz von Farkas und Waldbrunn.
„šSchau mal, die da drüben mecht‘ ich einmal.‘
Sagt der andere.
„šWas, du hast schon?‘
„šNein, aber gemechtet hab‘ ich schon oft.‘

Und so ist das da auch. Gemechtet hab‘ ich schon oft. Das ist zwar schön, aber ich glaube, es kann nicht sein, dass irgendwer kommt, egal wer, einen Wunsch äußert und man diesem Wunsch entspricht. Hier haben wir endlich, endlich so weit zu kommen, dass nicht die Deppaten sich kränken, dass man draufgekommen ist, dass sie deppat sind, sondern es gehört Schwerpunktbildung gefördert, Exzellenz gefördert, Leistung gefördert … zu Zentren zusammengeführt.“

Und worüber diskutieren mann und frau im Bereich Schule?

Ob die Landesfürsten für die Organisation der Bundeslehrer zuständig sein sollen!

„Geht’s noch?“ Fragt der interessierte Laie.

„Noch geht’s,“ antwortet der Experte. „Aber nicht mehr lange.“

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