Unter einem Regenschirm

Die Wortpoeten sind ständig unterwegs! Dieser relativ neue Beruf hat die schlichte Aufgabe, alles Hässliche ins Schöne zu kippen. Mit anderen Worten: ein Beruf der Wirtschaft und der Politik.[Humanisten werden einwenden, dass es diesen Beruf bereits in der Antike gegeben hat, man nannte ihre Vertreter Rhethoriker, aber hier soll nicht von uralten Zeiten gesprochen werden.]

Die Wortpoeten heuerten, da sie als Poeten keinen Erfolg hatten, bei großen Unternehmen und politischen Parteien an und schufen so wunderbare Geschöpfe wie:

Freisetzen – ursprünglich „entlassen“.
Handlungsbedarf – ursprünglich „ohje, jetzt sollten wir langsam etwas tun“.
Das kann nicht sein – ursprünglich „das ist alles so, es ist unglaublich und wir können es nicht ändern“.
Arbeitgeber – ursprünglich ein Mensch, der so viel Macht hatte, dass andere für ihn arbeiten mussten, ob sie wollten oder nicht.
Nachhaltigkeit – ursprünglich die Annahme, dass kein Raubbau betrieben wird.

Die Liste ist unvollständig, aber immer wieder um neue Aussagen erweiterbar.

Die neueste:
Schirm spannen – derzeit wird über viele Unternehmen ein Schirm gespannt. Das bedeutete ursprünglich Schutz vor Regen, in der Gegenwart schlicht die Tatsache, dass Geld von einfachen Menschen dafür verwendet wird, die kriminellen Taten einiger Betrüger zu bezahlen.

Der Staat, der ursprünglich ganz pfui war und furchtbar hinderlich im Sinne des wirtschaftlichen Fortschritts, soll nun, da alles Chimäre – Schein – , einspringen.

Also das machen, was beim Kommunismus GANZ GARSTIG war. Wir alle zahlen die Zeche von all denen, die gegangen sind, bevor die Rechnung präsentiert wurde.

So ändern sich die Zeiten  – für Humanisten wiederum: tempora mutantur – und plötzlich ist alles richtig, was einstens noch gaga.
Pardon: falsch.

Viele Medien sind sehr angetan von der Poesie dieses Satzes, dass allerorten ein Schirm gespannt wird. In der Zeitung Focus wird der Schirm über das gesamte Bankensystem ausgebreitet, denn die Wirtschaft sind „wir alle“, wie es allgemein heißt, also sind wir auch das Bankensystem.

Weiß das mein Regenschirm, also mein Bankberater, der eine -in ist?

Wir sollen nicht kleinlich sein, sagen die Politiker und -innen:
jetzt, wo die Verluste groß, da wollen wir alle die Wirtschaft sein!

Sagt ja zum Regenschirm!

Er schützt uns alle.
Vor allem jene, die den Niederschlag provoziert haben.

2 Gedanken zu „Unter einem Regenschirm

  1. Erich

    Lieber Richard,
    auch wenn Du Dir nicht sicher bist: Du hast recht!

    Aber im Lateinischen warst Du ja immer besser als ich – ich werde den Fehler korrigieren!
    LG Erich

  2. Richard Leckel

    Hallo Erich!
    Heißt es „tempores mutantur“ oder „tempora mutantur“?
    Ich bin mir nicht ganz sicher (Baatz schau oba)
    LG Richard

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.