Einer für zwei!

In der Tiroler Gratiszeitung „Echo am Freitag“ wundert sich der Journalist Armin Muigg darüber, dass ein Prüfer sich selbst überprüft. Konkret geht es um den Tiroler Agrar-Landesrat Steixner, der im Nebenberuf gerne noch im Vorstand des Landwirtschaftskammer arbeiten möchte. Deshalb wird Herr Steixner bei der Landwirtschafftskammerwahl antreten.Herrn Muigg kommt das seltsam vor, weil Herr Steixner – falls  er gewählt werden sollte – als Agrar-Landesrat dann die Landwirtschaftskammer kontrollieren muss, also sich selbst sozusagen.

Wer mit den österreichischen Verhältnissen nicht vertraut ist, versteht nun vermutlich kein Wort, aber fassen wir zusammen: Der Kontrollor kontrolliert in der Folge sich selbst.

Das klingt zuerst seltsam,  hat aber System.

In Oberösterreich findet zum Beispiel ein Schuldirektor nichts dabei, Personalvertreter an seiner Schule zu sein. Das sagte er im Fernsehen anlässlich der Diskussion um mehr Stunden für Lehrerinnen und Lehrer.

Für einen naiven Beobachter mag es seltsam erscheinen, dass der Direktor (= Chef) er selbst und gleichzeitig die gewerkschaftliche Vertretung seiner Untergebenen (= einfache/r LehrerIn) ist. Er könnte einwenden, dass in keinem privaten Betrieb der Geschäftsführer als Betriebsrat durchginge.

Halt!

Betrachten wir sachlich und in Ruhe die vielen Vorteile, die sich aus dieser Doppelbelastung des Direktors bzw. Personalvertreters ergeben.

Nehmen wir an, eine Lehrerin fühlt sich durch den Stundenplan des Direktors benachteiligt. Sie wendet sich nun an ihren Personalvertreter, der die Fakten emsig notiert und daraufhin zum Direktor geht. Dort findet eine angeregte Diskussion statt, die allmählich in einen Streit ausartet. Der Direktor ist empört, der Personalvertreter auch – und für die Lehrerin kommt nichts wie í„rger heraus.

Im Falle der Doppelfunktion ist alles viel einfacher. Die Lehrerin geht zu ihrem Direktor und sagt, dass sie ihn heute als Personalvertreter sprechen will. Daraufhin nickt der Herr Direktor, legt seine Krawatte ab und ist ganz kämpferischer Gewerkschafter. Er versteht alles und verspricht, die Sache energisch zu vertreten.

Die Lehrerin geht beruhigt aus dem Raum, der Personalvertreter bindet wieder seine Krawatte um und bespricht das Problem mit seinem Gegenüber, also sich selbst. (Wir wollen hier gar nicht auf die Belastung durch die einigermaßen schizophrene Situation des Gewerkschafter bzw. Direktors eingehen. Wir können nur feststellen, dass der Mann zweifellos mit seiner Doppelbegabung Höchstleistungen erbringt.)

Keine Frage, dass das Ergebnis konstruktiv und für die Lehrerin folgenreich ausfallen wird – und das ohne großen Zeitverlust! Woraus zu lernen ist: Das österreichische Schulsystem ist von hervorragender Effizienz. Warum dieses System nicht auf die Landwirtschaft übertragen?

Lieber Herr Muigg: Der workflow, wie wir Experten das nennen, wird durch die selbstgesteuerte Kontrolle noch schneller und gleichzeitig erspart sich die Republik eine Unmenge an Bürokratie. (Übrigens soll es diese interessante Form der Doppelfunktion nicht nur in Oberösterreichs Schulen geben, sondern auch in Tiroler Schulen!)

In diesem Sinn: Lasst Schülerinnen und Schüler ihre Schularbeiten selbst benoten, Schauspieler ihre Kritiken schreiben, Arbeiter ihren Lohn bestimmen und Manager die Höhe ihrer Haftstrafe, wenn sie ein paar Milliarden unterschlagen.

Und den Landesrat Steixner in den Vorstand der Landwirtschaftskammer!

Kontrolle ist gut, Vertrauen ist besser.

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