Seid achtsam!

2014-01-22_kakanien_achtsam

Beim Besuch der Hauptstadt — und der Benutzung der U-Bahn — fiel mir auf, dass Befehle neuerdings immer wohlmeinender klingen.
Vor jeder Einfahrt in eine Station tönt etwa eine erotische Stimme:
„Seien Sie achtsam! Beim Aussteigen befindet sich zwischen Ihnen und dem zu erreichenden festen Boden ein Zwischenraum.“

Vielleicht ist der Text nicht wortgertreu wiedergegeben, aber ich bin mir sicher, dass darin das Wort „achtsam“ vorkommt und nicht, wie in alten Zeiten, „Vorsicht!“, ergänzt etwa um den Zusatz: „Fallen Sie nicht in den Spalt! Das gibt vielleicht einen Spitalsaufenthalt.“

Das gab mir zu denken.

Wo liegt der Unterschied zwischen Vorsicht und Achtsamkeit?

Und was macht der durchschnittliche Österreicher (oder die durchschnittliche Österreicherin) damit? Okay, den und die Österreicher/in gibt es selbstverständlich nicht, wer will schon Durchschnitt sein, aber ich meine: Was unterscheidet die Vorsicht von der Achtsamkeit?

Die Zeit!

„Vorsicht“ wird aus dem Mund gestoßen wie das Feuer eines Flammenwerfers, das Wort ist ein Schrei, mehr noch: ein Aufschrei! Weil es aus zwei Silben besteht, kann es blitzschnell in den í„ther geworfen werden. Die Reaktionen der Umwelt können aus schlichtem Erstarren, Sich-zu-Boden-Werfen oder Unverständnis bestehen, jedenfalls erfolgen sie unmittelbar auf den Ruf.

Vergleichen wir damit die Melodie des Wortes „achtsam“, gar sein Substantiv „Achtsamkeit“. Oder die Befehlsform „seid achtsam“. Wie sanft das klingt! Kann sich jemand einen Ausbildner beim Heer vorstellen, der „seid achtsam!“ brüllt, um auf imaginäre Flugzeugangriffe hinzuweisen?

Kein Soldat würde sich auf den Boden werfen, er würde höchstens versonnen in den Himmel blicken und sich an der Schönheit der Welt erfreuen. Wie wunderbar, wenn alle achtsam sind statt bloß vorsichtig.

Weil uns den Unterschied aber niemand erklärt, steigen die meisten Menschen in der U-Bahn aus wie früher: Die neuen Fahrgäste drängen herein, jene, die aussteigen wollen, kommen kaum dazu und ärgern sich.

„Schnell, schnell

Wir müssen uns beeilen. Wir haben keine Zeit zu verlieren!“, sagte die nette Frau zu den Kleinen, die mühsam ihren Schritten folgten.

Ich war gerade aus einer U-Bahn-Station ans Licht gekommen, als ich diese Szene erlebte.

„Seid achtsam!“, wollte ich der Gruppe hinterher rufen — aber ich war zu langsam. Eilig entschwanden die Kinder mit ihren zwei Betreuerinnen in weiter Ferne.

Was sie wohl mit der gewonnenen Zeit anfangen werden?

Ich fürchte, sie werden nicht achtsam mit ihr umgehen. Sonst würden sie womöglich erkennen, dass man Zeit nicht gewinnen kann.