Von der Verlogenheit

Ob unsere Innenministerin mit Tränen in den Augen am Flughafen stehen wird, wenn Arigona Zogaj „freiwillig“ Österreich verlassen muss? Es würde zum hysterischen Klima des Landes passen, das ein Kind verantwortlich macht für die Taten seines Vaters.

Um nochmals an die Geschichte zu erinnern: Arigona Zogaj war minderjährig, als sie nach Österreich kam. Sie war in ihrer Gemeinde integriert, spricht den dort üblichen Dialekt und war beliebt. Zumindest so lange, bis Popolisten (© Charles Lewinsky, Schweizer Autor) das junge Mädchen zur Bedrohung des ganzen Landes hochstilisierten. Jetzt graust einem, wenn man manche Postings liest, die auf Zeitungsartikel zu Arigona antworten.

Recht muss Recht bleiben! So lautet der Leitsatz jener Hardliner. Dabei ist das Urteil sogar unter Juristen umstritten, wie einem Interview mit Gregor Heißl zu entnehmen ist. Von christlichen Grundsätzen wollen wir gar nicht reden. Aber wo Gefühle hochkochen, da hat der Verstand nichts mehr zu suchen.

Bloß: wann wenden sich jene, die so laut „Recht muss Recht bleiben“ brüllen, endlich jenen Themen zu, die sie durch ihre Sündenbockpolemik offensichtlich zudecken wollen?

Den seit Jahrzehnten gesetzlich vorgeschriebenen zweisprachigen Ortstafeln in Kärnten etwa?

Oder jenem Ex-Politiker, der „vergaß“, neun Millionen Euro zu versteuern, die er als Provision für den Verkauf der BUWOG erhalten hat?

Oder jenem Haider-Berater, der laut KURIER für ein sechsseitiges Gutachten 12 Millionen Euro erhalten sollte? Er gab einen 50-Prozent-Rabatt und verdiente schließlich „nur“ mehr sechs Millionen Euro. Dafür müsste ein Bauarbeiter 100 Jahre lang arbeiten.

Davon wollen die „Recht-und-Ordnung-Liebhaber“ nichts wissen. Nach oben buckeln, nach unten treten — wie nennt man solche Menschen doch gleich?

Schnelle Bürokratie

Es ist übrigens ganz einfach, die österreichische Staatsbürgerschaft zu bekommen. Frau N. suchte im März 2006 darum an — und erhielt sie im Juli 2006.

Musste Frau N. flüchten, weil sie mit dem Tod bedroht wurde? Oder weil sie in ihrer Heimat vielleicht verhungert wäre? Wo wohnt Frau N. eigentlich?

Frau N. wohnt in New York und in Sankt Petersburg. Und demnächst ein wenig auch in Wien. Sie hat sich ziemlich schlecht integriert, also angepasst, denn sie fühlt sich nach wie vor als Russin. Auch ihr Deutsch ist so schlecht, dass sie auf Fragen lieber englisch antwortet.
Aber das macht nichts.

So flexibel ist das Recht.

Wenn man Frau N. ist und Anna Netrebko heißt. Oder von Beruf Eishockeyspieler. Oder Basketballspieler. Oder …. vieles, nur nicht bloß arm und verfolgt. Oder von der Gemeinde akzeptiert. Etwa mit oberösterreichischem Dialekt und braunen Augen.

Dann heißt’s oft: „Schleich di“.

Wie hat die Frau Ministerin Fekter doch gesagt?
„Ich will diese Rehleinaugen nicht mehr sehen.“
Vielleicht erinnern sie diese zu sehr daran, dass ihre Gesetze unmenschlich und biegsam sind wie Weiden am Fluss?

Ein Gedanke zu „Von der Verlogenheit

  1. Richard Leckel

    Dem ist nichts mehr hinzuzufügen! Danke für die richtigen und berührenden Worte!

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