Höhenrausch

Jürgen Leinemann, Spiegel-Autor und Schriftsteller, veröffentlichte 2004 ein Buch mit dem Titel „Höhenrausch“. Er beschreibt darin die Welt deutscher Politiker und ihre Süchte. Die Sucht nach Anerkennung und Macht.

Das Buch sollte Pflichtlektüre für alle europäischen Politiker werden. Allerdings muss man die Damen und Herren zur Erledigung dieser Hausaufgabe für mindestens vier Wochen einzeln in Klosterzellen sperren und ihnen alle Handys abnehmen. Auf das eigene Denken zurückgeworfen erinnern sie sich vielleicht daran, dass viele von ihnen einmal die Welt verbessern wollten. Zumindest ein wenig. Vielleicht erkennen sie sogar, dass sie mit ihrem lächerlichen Kampf um die Macht für Politikverdrossenheit verantwortlich sind und der Demokratie ihr Grab schaufeln.

Derzeit ist von solchem Bewusstsein nichts zu merken.

Frankreich

Am Wochenende ließ sich Sarkozy von seiner Partei zum Präsidentschaftskandidaten wählen. Einziger Gegner war er selbst, alle anderen Kandidaten hatten einen Tag vorher aufgegeben. So kam es zu einem Duell, das der österreichische Autor Nestroy einmal so beschrieben hat:

„Wer ist stärker? Ich oder ich?“

In seiner Rede gestand Sarkozy, dass er Frankreich schon immer geliebt habe. Außerdem sei er gegen die Homosexuellen-Ehe und gegen Zuwanderung, aber für eine Verschärfung des Jugendstrafrechtes. Für Bildungshungrige gibt es ein besonderes Zuckerl: der Besuch von staatlichen Museen soll nichts kosten.

Nichts Originelles also, wenn man vom Museumsbesuch absieht, aber der „Wahlsieger“ wurde gefeiert, als hätte er soeben die Kaiserkrone von Europa bekommen.

Bayern

In der CSU kriselt es, schreiben deutsche Zeitungen. Alles nicht wahr, sagt CSU-Generalsekretär Söder im ZDF.

Es gäbe nur eine Partei, die die CSU besiegen könne, und das sei die CSU.

„Wer ist stärker? Ich oder ich?“

Edmund Stoiber, der Sarkozy Bayerns. Immerhin hat der Bayer schon gegen andere Bewerber gewonnen und ein kleiner Kaiser ist er allemal. Und welcher Kaiser will seine Macht schon abgeben, bevor er tot ist? Wobei er insgeheim der Meinung ist, unsterblich zu sein.

Psychologen nennen das Verdrängung, aber in den europäischen Demokratien hat der Mensch nichts zu suchen. Zumindest nicht in der Politik.

Österreich

Der neue Bundeskanzler heißt Gusenbauer und hat im Wahlkampf viel versprochen: die Abschaffung der Studiengebühren und der Eurofighter. Eine Woche nach seiner Angelobung ist alles anders. Die Studiengebühren bleiben, die Eurofighter werden gekauft. Die erste Rate wurde bereits an den Verkäufer überwiesen.

Aber Gusenbauer hat sich seinen Traum, den er schon in der Sandkiste hatte, erfüllt: er ist Bundeskanzler. Was will man mehr? Ich meine, als Gusenbauer.

Die Demokratie — eine Farce?

Was scheren mich meine Worte von gestern, wenn ich heute die Macht habe? Mit diesem Leitspruch treten die meisten europäischen Politikerinnen und Politiker zu Wahlen an. Im Laufe ihres Berufslebens haben sie ihre Ideale vergessen und sind abhängig geworden.

Macht macht zwar erotisch.

Macht macht aber auch süchtig. Und Süchtige können nicht klar denken. Leider fällt das in einem Umfeld nicht auf, in dem alle süchtig sind.

„Wahr ist, dass mir die Welt erst besoffen vorkommt, seit ich nicht mehr trinke“, schreibt Jürgen Leinemann, der geheilte Alkoholiker, auf den letzten Seiten seines Buchs „Höhenrausch“. Dass er die Politik weiter kommentiert, ist eine starke Leistung.

Uns schwachen Wählerinnen und Wählern bleibt derzeit nur der Griff zur Flasche, um die Welt dieser Politik als normal anzusehen. Eine Besserung ist nicht in Sicht.

In diesem Sinne: Prost!

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