Bildungspolitik in Österreich

Bildungspolitik für Kurzsichtige

Es ist immer wieder erstaunlich, mit welcher Stumpfsinnigkeit in diesem Land Österreich argumentiert wird.
Landeshauptmann Platter hat sich plötzlich für die Gesamtschule ausgesprochen. Die Gründe dafür bleiben im Dunkeln, aber die Reaktionen lassen an Klarheit nicht zu wünschen.
Ein Funktionär der AHS-Gewerkschaft meint etwa, „die real existierende Gesamtschule ist gescheitert. Die hochfliegenden, sozialromantischen Erwartungen an die Gesamtschule blieben in den Ländern, in denen man auf sie gesetzt hat, unerfüllt.“ (TT-online)

Nun genügt ein Blick über die Landesgrenzen und schon ist man andauernd mit  Gesamtschulen konfrontiert: Italien, Frankreich, Schweden, Finnland. Und wer den Blick noch weiter in die Ferne schweifen lässt, findet Gesamtschulen in Kanada, den USA, in Australien. Und das ist nur eine willkürliche Auswahl.

Länder mit sozialromantischen Erwartungen, die nicht erfüllt werden?
Wo lebt dieser Funktionär denn?
Und wie kommt ein Wissenschaftsminister dazu, diesen Ländern indirekt „Nivellierung nach unten“ zu unterstellen?

Weil Österreich Spitzenreiter unter den Nobelpreisträgern ist?
Weil Österreichs Universitäten nicht einmal unter den besten 200 Universitäten landen?
Weil die sozialen Differenzen in Österreichs Schulen nicht verringert, sondern vergößert werden?

Womöglich fand die Nivellierung nach unten schon vor 40 Jahren statt und unsere Bildungspolitik wird nun leider von diesen Herren (und wenigen Damen) „gestaltet“.

Bildungspolitik für Weitsichtige

Wenn Vertreter der AHS-Gewerkschaft behaupten, es handle sich bei der Gesamtschule um ein realitätsfernes Konzept, so haben sie sich nicht informiert. Das widerspricht ihrem eigenen Anspruch an Allgemeinbildung. Oder sie verleugnen Tatsachen, um ihre Privilegien zu verteidigen. Was ich nicht hoffe.

Wenn nämlich die Gesamtschule tatsächlich ein „sozialromantisches Modell“ wäre, dann muss man sich darüber wundern, dass ausgerechnet die OECD für eine Gesamtschule eintritt. Die OECD ist kein Verein von Träumern, sondern eine Organisation der wichtigsten Industrieländer mit dem Ziel, „zu einer optimalen Wirtschaftsentwicklung, hoher Beschäftigung und einem steigenden Lebensstandard in ihren Mitgliedstaaten beizutragen“.

Während man sich aber normalerweise gerne mit (guten) Ergebnissen der OECD schmückt, wird bei PISA plötzlich alles anders. PISA wird nämlich im Auftrag der OECD erstellt und die Ergebnisse waren leider schlecht. Außerdem empfahl man strukturelle í„nderungen im österreichischen Schulsystem durchzuführen und plädierte für die — Gesamtschule! Wie übrigens auch die österreichische „Industriellenvereinigung“.

Überall Phantasten, nur die AHS-Gewerkschaftsfunktionäre wissen es besser?
Jene, die im Ö1-Magazin vom 3. September 2012 gerade einmal darüber diskutieren wollen, ob eine Fortbildung für AHS-LehrerInnen verpflichtend sein soll?
In Zeiten des „lebenslangen Lernens“?

Das glaubt nicht einmal mehr eine ÖVP-Expertengruppe, die Vizekanzler Spindelegger eingesetzt hat. Sie ist laut Presse vom 3. September 2012 (auch keine sozialromantische Stimme im Chor der Tageszeitungen) ebenfalls für die Gesamtschule und gegen eine „Verländerung“ des Schulsystems. Bekanntlich leistet sich das kleine Österreich zum Beispiel neun Landesschulräte und neun unterschiedliche Gehaltssysteme für PflichtschullehrerInnen. Aber das ist eine weitere der zahlreichen Baustellen im Bildungschaos, über die aus Gründen der Klarheit heute nicht berichtet werden soll.

PS: Wenn AHS-Funktionäre übrigens den Befürwortern der Gesamtschule „sozialromantische Erwartungen“ vorwerfen, dann haben sie auf Wilhelm von Humboldt vergessen, den sie sonst gerne ins Treffen führen. Der schrieb 1809 an seinen obersten Vorgesetzten, den König:
„Es gibt schlechterdings gewisse Kenntnisse, die allgemein sein müssen, und noch mehr eine gewisse Bildung der Gesinnungen und des Charakters, die keinem fehlen darf. Jeder ist offenbar nur dann ein guter Handwerker, Kaufmann, Soldat und Geschäftsmann, wenn er an sich und ohne Hinsicht auf seinen besonderen Beruf ein guter, anständiger, seinem Stande nach aufgeklärter Mensch und Bürger ist. Gibt ihm der Schulunterricht, was hierzu erforderlich ist, so erwirbt er die besondere Fähigkeit seines Berufs nachher sehr leicht und behält immer die Freiheit, wie im Leben so oft geschieht, von einem zum andern überzugehen.“
(Hervorhebung vom Autor)

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