Vom Vergessen – Berlin Teil 4

Verdrängung

Irgendwann stellt sich die Frage, warum die Mauer, die diese Stadt geteilt hat, nicht mehr da ist. Aufmerksame Beobachter finden in den Straßen kleine Hinweise: Pflastersteine etwa, die den Verlauf zeigen. Möglichst unauffällig, als wäre dem Land etwas Peinliches passiert. Manchmal stehen riesige Häuser dort, wo einst „die Mauer“ war. Zum Beispiel am Potsdamer Platz. Als wollte man die Vergangenheit zudecken mit den Symbolen jenes Systems, das „gewonnen“ hat.

Die „neue“ Politik ging so weit „Erichs Lampenladen“ abzureißen – so nannten die Genossen den „Palast der Republik“, in dem die Volkskammer der DDR residierte. Proteste nützten nichts, das Gebäude wurde „rückgebaut“, wie das die Poeten der Ökonomie nennen. Der hochwertige Stahl der einstigen DDR steckt in vielen Golfmodellen des VW-Konzerns und im (2009) höchsten Bau der Welt in Dubai. Exportierter Rohstoff des Sozialismus? Naja.

Allerdings blieben, tief unten, die Kellergeschoße des „Palastes der Republik“ erhalten. Der Platz kann somit als modernes Gleichnis der Psychologie Freuds dienen: Oben steht das Bewusstsein, ein derzeit leerer Platz. Unten lauern die Fundamente des Unbewussten, die vollständig erhaltenen Keller.

Denn oben, weithin sichtbar, soll das neue „Berliner Stadtschloss“ entstehen, das in etwa so aussehen wird wie das alte.
„Die Vergangenheit ist unsere Zukunft“ lautete das Motto der Regierenden. Leider gelang der große Sprung nach rückwärts nicht.

Denn: Es kam die Wirtschaftskrise. Seither wird nicht weiter gebaut am Stadtschloss, und das kann nur als Glück bezeichnet werden. Lieber ein leeres Bewusstsein, das immerhin gefüllt werden kann, als ein rückwärts gewandtes.

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