Alles bleibt schlechter

Wer die Bildungs“politik“ in Österreich verfolgt, schwankt zwischen Verzweiflung und Lachattacken. Der Vizekanzler Pepi Pröll nennt die Hauptschule eine „Migranten-Restschule“, aber nur im roten Wien, weil am Land ist alles wunderbar, dort herrscht nämlich die ÖVP.
Sein Onkel Erwin, ebenfalls ÖVP, ist für eine gemeinsame Schule bis 12 Jahre.
Der Außenminister (ÖVP) ist für eine gemeinsame Schule bis 14, aber die Gymnasien müssen erhalten werden.
Und Wissenschaftsministerin Karl — auch ÖVP — ist für ein Gymnasium für alle bis 14.
Der arme Bernd Schilcher — schon wieder ÖVP — ist seit Jahrzehnten für ein ganz einfaches Modell, wie es zum Beispiel die Schweden haben: eine gemeinsame Schule für alle Jugendlichen bis 14.

Das sind die etwas verwirrenden Meinungen innerhalb EINER Partei. Komplizierter geht’s nicht, meint der einfache Mensch.

Das hat Tradition, meint hingegen der Philosoph Peter Heintel. Systeme, die sich kaum mehr auf den Beinen halten können, haben seiner Ansicht nach die „Tendenz zur Selbstverkomplizierung“. Wenn sie nicht mehr funktionieren, erfindet man zusätzliche Hypothesen, mit denen man erklärt, was in Wahrheit nicht zu erklären ist.

Als Beispiel nennt er die Physik. Dort waren Kometen eine Zeitlang verboten, weil man sie nicht berechnen konnte. Also erklärte man sie kurzerhand für nicht vorhanden. So lange, bis in Paris ein Meteoritenhagel schlagartig — im wahren Sinn des Wortes – bewies, dass es Kometen doch gibt.

Der Mensch neigt dazu, das Komplizierte für wahrer zu halten als eine einfache Wahrheit. Das erwähnte schon Paul Watzlawick in seinem Buch „Wie wirklich ist die Wirklichkeit“. Dort wird ein Versuch beschrieben, in dem ein Mensch dem anderen einen Vorgang erklären soll.

Der Vorgang konnte allerdings nicht erklärt werden, weil er völlig willkürlich war. Interessanterweise dachte der Beobachter sich eine Erklärung aus. Je komplizierter sie war, desto mehr überzeugte sie die andere Person.

Und damit sind wir wieder bei der Bildungs“politik“ in Österreich.

Seit Jahrzehnten ist bekannt, dass dieses Schulsystem sozial ungerecht ist, keine Spitzenleistungen produziert und vor allem einen Lerneffekt hat: Lernen ist frustrierend.

Das macht aber nichts, denn es gibt Menschen, die von diesem System profitieren und es am Leben erhalten wollen. Seien es die Gewerkschaftsfunktionäre, die seit Jahren nicht unterrichten, seien es die Erhalter alter Bildungsstrukturen, Bernd Schilcher nennt das „ständische Bildung“: Sobald das System in Gefahr ist, werfen die Verteidiger mit Schlagworten um sich.

Sie heißen „Gleichmacherei“, „sozialistische Einheitsschule“, „Migranten-Restschule“, „gute Hauptschule am Land“ versus „schlechte Hauptschule in der Stadt“ – wie auch immer, alles soll bleiben wie es ist, denn das ist gut für einige.

So krabbelt man weiter und fürchtet sich vor dem Zusammenbruch der Bildung und damit dem sozialen Zusammenhang einer einigermaßen demokratischen Gesellschaft, während man ihn durch Nichtstun fördert.

Danach wird man sich – auf konservativer Seite – wundern, wie alles so kommen konnte. Die so genannte „linke“ Sozialdemokratie wird sagen, dass sie das schon immer gewusst hat, aber alle waren ja gegen sie. Und wird verdrängen, dass sie damals noch stimmenstärkste Partei war.

Bis dahin: Alles bleibt besser!
So wahr uns Gott helfe. Oder wer auch immer.

Ein Gedanke zu „Alles bleibt schlechter

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