Die österreichische Leitkultur – Teil 1

Einleitung
Ich mache nicht den banalen Scherz, dass es höchstens eine österreichische Leidkultur geben kann. Jammern gehört nicht zu unseren Tugenden!

Obwohl dem typischen Österreicher das Harte fremd ist. Das Weiche entspricht mehr seinem Wesen. Aber nicht das Jammern!

Der Österreicher ist – in seiner idealtypischen Form – sensibel, ehrlich, tolerant und weltoffen. Das Gleiche gilt selbstverständlich für die Österreicherin, aber wir wollen nicht ins Psychologische, gar seine feministischen Interpretationen abgleiten, sondern uns den Fakten widmen.

Es geht um mehr als einen oberflächlichen Scherz, es geht um unsere österreichische Kultur und was ihre Essenz ausmacht.

Bestandsaufnahme
Als Österreicher hat man es zu allererst schwer in der Welt. Viele Fremdländische, auch Welsche, Walsche oder Zuagraste genannt, können das Wort kaum aussprechen und wenn man verdeutlicht und singt: „I am from Austria“, reden sie von Känguruhs.

Nur einmal kam es anders, in Korea nämlich. Dort zog man der australischen Ministerpräsidentin ein Dirndl an. Nicht ihr persönlich, aber immerhin eine sie darstellende Puppe. Da wusste ich: Die Koreaner haben unseren wahren Wert erkannt! Zumindest die Südkoreaner.

Aber sie sind bisher die einzigen, wenn man vom amerikanischen Präsidenten Bush einmal absieht, der bei einer internationalen Konferenz in Australien von Austria sprach.

Die meisten Ausländer unterschätzen die geniale österreichische Leitkultur. Sogar wir selbst tun das!

Das muss geändert werden!

Wenn die Deutschen eine deutsche Leitkultur haben, dann wird es Zeit, unsere, die österreichische Leitkultur zu fördern!

Das mag manchen großdeutschen Anhänger, also ein Mitglied der FPÖ beispielsweise, verwundern, schließlich hält er Österreich für ein Bundesland Deutschlands, weil wir eine gemeinsame Sprache haben.

Das stimmt aber nicht. Schon der bekannte Sänger Peter Kraus meinte einmal, die gemeinsame deutsche Sprache sei das Trennende zwischen unseren Völkern. Kann auch sein, dass es ein gewisser Karl Kraus gewesen ist, aber da wollen wir nicht allzu preussisch genau sein!

Die FPÖ nimmt’s auch nicht so genau —

Vom Verzeihen
Beginnen wir bei der politischen Kultur. In Deutschland musste vor Jahrzehnten ein gewisser Herr Filbinger, Ministerpräsident von Baden-Württemberg, zurücktreten, weil er in den letzten Tagen des 2. Weltkrieges ein paar Desserteure zum Tod verurteilen und hinrichten ließ. Das war 1978, also mehr als 30 Jahre nach seinen Urteilen! Die deutsche Leitkultur kennt kein Erbarmen, Verzeihen ist ihr fremd.

In Österreich hingegen durfte Heinrich Gross, der wunderbare Kinderarzt, sein Wissen jahrelang weitergeben, auch wenn er unter den Nazis am Spiegelgrund behinderte und nichtbehinderte Kinder umbringen ließ. Das ist nicht die feine Art, aber schließlich wurde er nach 1953 Mitglied der sozialistischen Partei (heute sozialdemokratische Partei) und verfasste viele, viele Gutachten für österreichische Gerichte. Er hatte Erfahrung, warum sollte man auf diese im wiedererstandenen Österreich verzichten?

Das ist ein Merkmal österreichischer Leitkultur, das uns von der deutschen unterscheidet: Vergeben, und zwar so schnell wie möglich! Sich zu ereifern, bloß weil jemand, gewiss unter starkem Leidensdruck, kleine Kinder als Versuchskaninchen  missbraucht, das ist nicht unsere Sache. Wir verzeihen. Vor allem bedeutenden Persönlichkeiten.

Hier unterscheidet sich die österreichische Leitkultur auch von der jüdischen, die ja eine Spur älter ist. Das Motto „Auge um Auge, Zahn um Zahn“ kennen wir nicht. Übrigens auch nicht die christliche Abweichung „Liebe Deinen Nächsten wie Dich selbst“. So viel Hass lassen wir nicht zu. Unser Leitsatz lautet: leben. Und leben lassen. Wenn’s denn unbedingt sein muss. Eine gesunde und natürliche Einstellung, die sich den Realitäten geschmeidig anpasst, wie immer sie aussehen.

Vom Patriotismus
Die Liebe zum Vaterland ist uns fremd. Wer kann schon ein Land lieben, das ihm in den meisten Fällen nicht einmal gehört?

Wer sagt zu einem Stuhl, den er rechtmäßig erworben hat und danach zu Hause be-sitzt: Ich liebe dich? Und erst ein ganzes Land lieben! Ein kurioser Gedanke.

Einschränkend muss hier angemerkt werden, dass manche Bundesländer eine etwas abweichende Leitkultur haben. Zum Beispiel einige Tiroler, die ihr Land nicht nur lieben, sondern ihm sogar die Treue halten! Sexuell sicher kein Problem, aber wann beginnt die Landesuntreue? Beim Urlaub in Italien? Also südlich von Südtirol? Oder beim Durchqueren des Arlbergtunnels? Ein schwieriges Problem, dem hier elegant ausgewichen wird, indem wir auf die verzweifelten Versuche eingehen, in Österreich eine Art Gesamtpatriotismus zu installieren.

Nahezu alle Tageszeitungen bemühten sich um Einführung eines solchen. Berühmt geworden ist die Schlagzeile der Tageszeitung Kurier aus dem vorigen Jahrhundert: „Fünf Österreicher unter den ersten Vier“ lautete das Ergebnis eines Schiwettbewerbs.

Hier sei gleich angemerkt, dass ein – natürlich deutscher! – Kabarettist sein Buch so nennt und tut, als wäre ihm das selbst eingefallen. Nein, der Titel ist in österreichischem Eigentum, aber an diesem Detail wird deutlich, wie wenig das deutsche Leitbild von geistigem Eigentum hält und wie sehr es auf die Kreativität unserer Künstler angewiesen ist.

Genützt haben diese Versuche zur Installierung eines österreichischen Partiotismus wenig, vor allem, weil die österreichische Fußballnationalmannschaft als Widerstandskämpfer aufgetreten ist: Das einstige Wunderteam belegt laut FIFA den 46. Platz, weit hinter der Schweiz, den USA und anderen fußballerischen Entwicklungsländern[ii].

Darauf können wir nicht stolz sein. Und wollen es auch nicht. Stolz ist eine der sieben Todsünden und davor möge uns der liebe Gott schützen. Und unser Fußballteam.

Von der Bildung
Da wir gerade bei der Leistungsbeurteilung sind, heute „ranking“ genannt, darf ein Seitenstrang nicht fehlen: die Bildung.

Wir kennen alle das Gerede vom lebenslangen Lernen, neudeutsch „Long Life Learning“ genannt. Dieses Motto hat sich die EU auf die europäische Fahne geklebt und will alle Menschen, nein, nicht glücklich, sondern bloß gebildet machen. Wer bei PISA schlecht abschneidet, beginnt auf der Stelle zu jammern und zu wehklagen. Das entspricht, wie schon gesagt, nicht der österreichischen Leitkultur.

Wien sei hier ausgenommen, denn jammern gehört dort zum Alltag wie der Speckknödel zu Tirol. Aber, wie schon gesagt, die österreichische Leitkultur kennzeichnet aus, dass sie regionale Abarten zulässt.

Bildung also. PISA bescheinigt uns, dass etwa 26 Prozent unserer 15-jährigen Jugendlichen nicht sinnerfassend lesen können, sich also auf die Überschriften der Kronenzeitung beschränken. Weitere 6 Prozent wurden nicht getestet, weil sie zwar 15 Jahre alt sind, aber die Schule bereits ohne Abschluss verlassen haben, schließlich genügen neun Jahre Schulpflicht, auch wenn das nicht zum Lesen reicht.

Na und? fragt man sich. Versäumt man etwas? Ist ein Mensch, der die Nachrichten lesen kann, wirklich besser dran als einer, der nichts von Unwettern, Kriegen oder Hungersnöten weiß?

So erweist sich die schlechte Platzierung bei PISA als Glück für die Betroffenen: Sie wissen nichts von der bösen Welt da draußen und erfreuen sich an ihrer Unwissenheit. Die wiederum sorgt für stabile Verhältnisse und einen Wirtschaftsstandort, um den uns alle beneiden. Die Welt mag untergehen, tu, felix Austria, dorme — du, glückliches Österreich, schlafe. Früher „nube“, also heirate, aber das galt nur bei den Habsburgern, weil die sich Konkubinen leisten konnten.

Kakanien ist überall.

2 Gedanken zu „Die österreichische Leitkultur – Teil 1

  1. Kakanien Beitragsautor

    Ehrlich gesagt habe ich das nicht GANZ ernst gemeint – aber eine Andeutung an zu Guttenberg lag einfach am Tisch! (Und der liebe Stermann, den ich als Kabarettisten sehr schätze, verträgt das sicher… )

  2. e-t-c

    ZITAT: „Fünf Österreicher unter den ersten Vier“
    lautete das Ergebnis eines Schiwettbewerbs.
    Hier sei gleich angemerkt, dass ein — natürlich deutscher!
    — Kabarettist sein Buch so nennt und tut, als wäre ihm das selbst eingefallen.
    ____________________________________________________________

    Stimmt so nicht – unser „Beute-Piefke“ hat sogar öffentlich „bekannt“ das er sich diese „Schlagzeile einer Zeitung“ in seiner Anfangszeit in Wien als Zeitungsauschnitt an Wand gepinnt hat – wo’s dann
    jahrelang hing.

    Liebenswerterweise scheint Dirk S. den österr. bzw. wienerischen
    „gereizt-beschränkt-gössenwahnsinnigen“ Minderwertigkeits-Komplex sogar zu (be) mit-leiDen. 😉

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