Parallelwelt

Dafür mag ich unsere ähnlich sprechenden Freunde im Norden: Eine zweistündige Diskussionsveranstaltung der „taz“ brachte ungefähr so viele Informationen wie alle „Club2“- und „Runde Tische“-Sendungen des ORFs in den letzten zwei Jahren.

„Sind die Grünen regierungsfähig?“ lautete die Frage. Sie wurde am Samstag um 10:30 Uhr gestellt und irgendwie erwartete der Österreicher in mir um diese Zeit kaum Besuch. Hier war das anders, vielleicht auch deshalb, weil gleichzeitig die Versammlung der taz-GenossenschafterInnen stattfand? Lassen wir das, ich möchte mich der Annahme hingeben, dass Berlin an Demokratie interessiert ist. Eine Illusion? Ich will es nicht wissen, lasst mir meine Ideale. Und wenn es nur Illusionen sind.

Jedenfalls: Als Jugendveranstaltung konnte man das Treffen nicht charakterisieren. Wenn ich die Menschen als 40-Plus-Generation beschreibe, bin ich charmant. Bei 50-Plus realistisch. Und bei 60-Plus bösartig, aber noch immer ziemlich nahe an der Wahrheit.

Wenn das eine repräsentative Auswahl an Grün-WählerInnen war, dann sollten sie sich schleunigst in „Die Grauen“ umwandeln. Andererseits: Vielleicht waren es nicht nur Grüne, sondern an der Demokratie Interessierte, siehe oben? Das wäre noch unangenehmer. Wer will schon eine graue Demokratie?

Ich will weiter positiv sein — das verlangte schon der Verleger von Kurt Tucholsky — und das Alter der TeilnehmerInnen vernachlässigen, schließlich wurde es durch meine Anwesenheit weiter nach oben gedrückt. An der Podiumsdiskussion im Konferenzzentrum der Heinrich-Böll-Stiftung nahmen am 17. September 2011 Vertreterinnen und Vertreter der SPD, der Grünen, der Linkspartei  und der Organisation BUND teil. Moderiert wurde sie von zwei Redakteurinnen der taz, Ulrike Winkelmann und Hanna Gersmann.

Was den Stil der Diskussion anlangt, unterscheidet er sich von österreichischen Diskussionen durch den Inhalt. Wadelbeißerei, ein wesentlicher Bestandteil österreichischer Politik, findet in Deutschland kaum statt. Und wenn, gibt es dafür eine Rüge. Österreichische Politiker und —innen rügen hingegen jeden sachlichen Einwand als störendes Element und beginnen, hemmungslos zu keifen oder ihn mit katholischem Sanftmut auszuhungern.

Wobei: Das stimmt nicht ganz. Schließlich gibt es seit kurzem einen Aufruf katholischer (!) Priester zum „Ungehorsam“. Ein Wort, das die so genannte Amtskirche für ein Werk des Teufels hält. Da aber so viele Priester den Aufruf unterschrieben haben, tritt man verlegen von einem Fuß auf den anderen — exkommunizieren, rügen, ausschließen oder gar milde verzeihen?

Es ist nicht einfach für die katholische Kirche, auch wenn der Papst demnächst in Berlin — um wieder zum Thema zurückzukehren — vor dem Bundestag eine Rede schwingen wird. Das widerspricht eindeutig der Trennung von Kirche und Staat, sonst kommen als nächste Vertreter ein Rabbi und danach ein Imam ins Regierungsviertel. Aber was tut man nicht alles, um wenigstens Segen von oben zu bekommen, wenn der von unten, vom Stimmvolk nämlich, immer weniger wird?

Wird Deutschland also gar Österreich und wir gemeinsam Kakanien? Möglich ist alles. Vielleicht wird sogar alles gut.

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