Die österreichische Leitkultur – Teil 3

Von der Religion

In der Volksschule lernte ich also die katholische Hölle samt Fegefeuer und Himmel kennen. Mit dem Ergebnis, dass ich abends ein Vaterunser nach dem anderen runterhaspelte, weil ich fürchtete, den Morgen nicht mehr zu erleben.

Denn: „Morgen früh, wenn Gott will, wirst Du wieder geweckt.“

So hieß ein wichtiger Glaubenssatz. Kein Wunder, dass ich als Kind jeden Morgen froh war, wieder aufzuwachen. Erstens lebte ich gerne und zweitens hatte ich tagsüber sicher irgendeine Sünde begangen und landete folgerichtig in Hölle oder Fegefeuer.

Allmählich passte ich mich religiös an. Schließlich gab es den Beichtstuhl, dieses kleine Häuschen, in dem man dem Priester die Sünden zuraunte. Dort wurde alles wieder gut!

Wenn mein Religionslehrer in der Schule daher fragte, wer am Sonntag in der Messe gewesen war, zeigte ich artig auf und bekam ein Plus. Bei der nächsten Beichte musste ich bloß sagen, dass ich gelogen hatte und schon war alles in Ordnung.

So weit war ich aber erst in der Mittelschule, wie damals die AHS genannt wurde. Ich fürchtete mich zu der Zeit schon viel weniger davor, am nächsten Tag nicht wieder aufzuwachen. Schließlich war das Aufwachen schon einige Jahre gut gegangen, warum sollte es plötzlich aufhören?

Man darf sündigen, solange man rechtzeitig beichtet — auch das ist ein Merkmal der österreichischen Leitkultur. Im Bereich Finanzen nennt sich das „Selbstanzeige“. Ein gewisser Meischberger hat das vorbildhaft gezeigt. Als er erfuhr, dass er sein Einkommen auch versteuern muss, zeigte er sich unverzüglich selbst an.

Woher sollte er, ein einfacher Ex-Abgeordneter der FPÖ, auch wissen, dass er die paar Millionen Euro versteuern muss, auch wenn sie aus Zypern kommen? Wofür er sie bekommen hat, weiß er bis heute nicht, aber Gott ist allwissend, der Mensch ein kleines Würstchen.

Zurück zum Religionsunterricht.

Leider gab es schon in meiner Kindheit aufsässige Jugendliche, selbstverständlich Zugewanderte, etwa Ungarnkinder, die 1956 vor den Kommunisten geflüchtet waren. Mein Sitznachbar, der sich unaussprechlich „Filipczak“ nannte, war ein solch unangepasster Asylant. Er bezweifelte im Religionsunterricht gar die Jungfräulichkeit Marias!

„Heast“, er hatte sich sprachlich assimiliert und sprach immerhin ein lupenreines Simmeringerisch — „heast, huach zua: Waun a Frau an Boig auf de Wöt bringt, daun hot’s a“ — und nun verwendete er einen Ausdruck für das weibliche Geschlechtsorgan, den ich aus Gründen der Sittlichkeit nicht verwenden kann — „wia a Ofnloch. Do gibt’s ka Jungfernheitl meah!“

Zugegeben, das war ein etwas derber Einwand, der physisch durchaus seine Berechtigung haben mag. Allerdings deutete er auf ein grundlegendes Unverständnis katholischer Mystik hin, weshalb die supplierende Religionslehrerin auch einen Nervenzusammenbruch erlitt. Ich schwieg neutral, schließlich wollte ich in der einzigen Mittelschule meines Bezirks die Matura absolvieren.

Ein Simmeringer verlässt nämlich seinen Bezirk nicht! Da gleicht er dem Ziller- und Viptaler wie ein Ötzi dem anderen! Daham is daham — do hot man seine Wurzeln. Der Mensch is nämlich a Bam!

Es gelang mir tatsächlich zu maturieren, trotz des hohen Niveaus, das wir hatten. Behaupteten zumindest unsere Lehrer. Filipczack musste allerdings die Schule wechseln und arbeitet heute am Max-Planck-Institut in Berlin. Armer Kerl, er hätte sich bloß etwas anpassen müssen, dann dürfte er heute noch hier leben.

Von der Revolution

Revolutionen liegen dem Österreicher nicht! Außer es geht um wichtige Dinge wie Feiertage oder Begräbnisse.

Man erinnere sich an die Besatzungsmacht Bayern in Tirol. Eigentlich zwei aneinander vertraute Volksstämme, aber irgendwie glaubten die Bayern im 19. Jahrhundert, sie könnten den Tirolern alles Mögliche auf‘s Aug drücken. Das ging so lange gut, bis die Bayern den Tirolern ihre Feiertage madig machten. Da war aber Schluss mit lustig! Das Volk erhob sich, denn die Bayern hatten 1806 die Mitternachtsmette verboten.

In Wien ging es dem guten Josef ähnlich, jenem Kaiser, der so viele Reformen auf den Weg brachte, wie Politiker heute sagen, dass sogar Claudia Schmid darob verblasst.

In seiner Revolution von oben war er von einem Radikalismus, der kaum zu glauben ist. Er gründete ein Spital für Arme, führte ein fortschrittliches Strafgesetz ein, schaffte Verstümmelungsstrafen ab — kurzum: er wollte Österreich modernisieren.

Das Volk erduldete den Fortschritt so lange, bis der Kaiser den Wienern verbieten wollte, das eigene Begräbnis zum Höhepunkt des Lebens zu machen. Er verordnete allen Ernstes, dass statt wunderbarer, individuell geschmückter Särge – – – Mehrfachsärge verwendet werden sollten! Der so genannte „Klappsarg“ war erfunden. Die Leichen sollten in einen schlichten Holzkasten mit einer Klappe  gegeben werden. Am Grab öffnete sich diese und die Leiche kippte ins Erdreich. Der Sarg konnte wieder verwendet werden.

Ökologisch wertvoll, aber für den Wiener ein Sakrileg! Sein Motto lautet bekanntlich: Das wirkliche Leben beginnt erst mit dem eigenen Begräbnis — und das wollte ihm der gute Josef verleiden! Massenhafte Demonstrationen waren die Folge, worauf der Kaiser die Anordnung zurücknahm.

Denn schön muss alles sein – darum gehört zum österreichischen Leitbild das „Schönreden“.
Mehr davon demnächst!

Ein Gedanke zu „Die österreichische Leitkultur – Teil 3

  1. O.R, Hainfeld

    Ich habe einen eigenen Modus gefunnden.

    Im Glaubensbekenntnis statt „….an die heilige

    katholische Kirche“ einfach „….an die christliche

    Gemeinschaft“. Damit beziehe ich nicht nur die

    „Kirche“ als Instituion sondern

    die „Gemeinschaft mit.

    Es gibt abseits von den bekannten

    Gemeinschaften auch die

    CHRISTENGEMSINSCHAFT

    (www.christengemeinschaft.org)

    deren Mitbegründer der bakannte

    altösterreichische Anthroposoph Dr.Rudolf

    Steiner war. (www.rudolf-steiner-2011.com)

    Dass sich die Politik – sogsar die Sozis – dem

    Druck der Kirche beugt, zeigt das Beispiel von

    Franz Vranitzky, der nach Ãœbernahme der

    Kanzlerschaft flugsenst in die katholische

    Kirche eintrat. Da sieht man, was aus den

    „Revoluzzern“ oftmals wird.

    Auch in der jetztigen Debatte um ein eigenes

    Privatschulgesetz, sieht man, dass die

    Strippenzieher in den Ordinariaten es verstehen

    Einfluss zu nehmen. Hintergrund dieser Debatte

    ist, dass die nichtkofessionellen Privatschulen

    (waldorf, walz, etc.) den konfessionellen

    Schulen in Finazierungsfragen gleigestellt

    werden wollen.

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